Daimler als Fahrzeugbauer und Mobilitätsgarant

Seit einigen Jahren wandelt sich das Verhältnis zum Besitz eines sehr deutschen Lieblingsobjektes, nämlich des Pkw. Die sich selbst als Erfinder des Automobils feiernde Daimler AG sah dies voraus und nahm den Trend mit car2go vorweg,. Ohne dass man ein Auto sein eigen nennen müsste, erlaubt das Konzept moderne Mobilität für jedermann.

Blau-weiße Erfolgsgeschichten, die kann der Stuttgarter Automobilbauer seit März 2009 erzählen – keine bayerischen, sondern urschwäbisch automobile. Bereits im März vor drei Jahren startete das smarte Projekt, mit 200 blau-weißen smart fortwo, die seither in Ulm und um Ulm herum wuseln. Das voll-flexible Auto-Kurzzeitmieten war derart erfolgreich, dass Pionier Daimler ein Jahr später ein weiteres Pilotprojekt im texanischen Austin startete. Mit 135 Quadratkilometern Fläche ist die Stadt am Colorado River nach Berlin (mit 250 km2) das zweitgrößte Gebiet, in dem die kleinen Zweisitzer per Mobiltelefon, Smartphone oder Internet spontan oder via Vorreservierung gemietet werden können. Hinzu kamen Hamburg, das Vancouver, Amsterdam, San Diego, Wien, Lyon, Düsseldorf, Washington D.C., Portland und Berlin. Binnen drei Jahren läuft das Mobilitätskonzept der Daimler AG mit Diesel-, Benzin oder Elektroantrieb in zwölf internationalen Städten und Metropolen. Jetzt kommen noch das britische Birmingham und die schwäbische Landeshauptstadt dazu. Die Flottengröße reicht von 200 bis 1000 smart fortwo pro Stadt. Nach Amsterdam und San Diego mit 300 smart electric drive startet in der Wiege des Automobils mit 500 smart electric drive eine eindrucksvolle Elektroflotte. Nicht zuletzt, weil sich Stuttgart als „Hotspot“ für das Vorantreiben der Elektromobilität versteht.

Der Erfolg dieser spontanen Mobilität auf Zeit hat vielerlei Gründe: Die Autos sind allzeit einsatzbereit und müssen vom Nutzer nicht gewartet werden. Die Miete, die nach einmaliger Registrierungsgebühr im Minutentakt anfällt, pro Stunde derzeit 12,90 Euro oder 39 Euro für 24 Stunden beträgt, wird über eine innovative Telematik-Einheit im Fahrzeug direkt abgewickelt. Aus Gründen höchster Flexibilisierung und Annehmlichkeit für den Nutzer gibt es weder eine Vertragsbindung noch eine Mindestmietdauer. Der administrative Aufwand ist minimal, das Mieten funktioniert schnell und reibungslos. „car2go macht das Autofahren in der Stadt so einfach wie mobiles Telefonieren“, wirbt Autobauer Daimler.

Das alles ist schön, aber nicht ausreichend. Denn Hauptproblem ist das Parken in den Städten – außer für den smart. Durch seine Länge von nur 2,69 Metern ist der kleine Zweisitzer klar im Vorteil bei der Suche nach dem raren Gut. Häufig findet sich sein kostenfreies Plätzchen. Die Parkplatzsuche wird ferner dadurch begünstigt, dass einige Städte zusätzliche Stellplätze ausschließlich für car2go zur Verfügung stellen. Sie sind eigens als blau-weiße „car2go Parkspots“ kenntlich gemacht. Ein weiterer Vorteil gegenüber anderen Mietkonzepten: Der smart kann nach Belieben innerhalb des car2go Geschäftsbereichs abgestellt werden. Das Tanken oder Aufladen, sollte es nötig werden, ist im Mietpreis inbegriffen. Allein in Deutschland sind bis dato 50.000 Kunden registriert, Tendenz steigend. Blau-weiß als Massenbewegung: Bis 2016 soll car2go in 50 europäischen und rund 30 nordamerikanischen Städten für bedarfsgerechte Mobilität sorgen.

Robert Henrich, Geschäftsführer der car2go GmbH, zeigt sich vom Erfolg der einst gewagten Idee im Reagenzglas Ulm überwältigt. Den Höhepunkt setzt derzeit Berlin, und das gleich tausendfach. Allein hier beweisen sich tausend smart fortwo im Dauerlauf. „Mit dem car2go Start in der deutschen Hauptstadt unterstreichen wir unsere Vorreiterrolle im Bereich moderner städtischer Mobilität.“ Die zumindest wandelt sich. Welcher Student kann sich heute im Stadtzentrum ein Auto leisten? Allein die Unterhaltskosten sind immens gestiegen. Ohne gemieteten Stellplatz geht meist nichts mehr. Und an der Uni täglich weitere Parkgebühren zahlen? Außer öffentlichen Verkehrsmitteln schließt das car2go Konzept diese schwärende Bedürfnislücke elegant und flexibel. Und für kleinere Einkaufsfahrten ist das Vehikel auch geeignet, zumindest wenn der Beifahrersitz als zusätzlicher Laderaum herhält.

In Stadtzentren leben überproportional viele Singles. Für sie reicht der Zweisitzer allemal. Die heutige junge Generation und auch die folgende, also die i-phone, i-pad, eben die intelligente Kommunikations-Generation, denkt vernetzt und intuitiv, macht sich die Möglichkeiten moderner Elektronik dienstbar. Dieses „Jederzeit“-Lebensgefühl erfasst alle Daseinsbereiche. Auch den auf vier Rädern. Und da gilt das demokratische Prinzip: jedermann jederzeit an jedwedem Ort.

Klar, car2go ist reine Bedürfnismobilität. Mit Genuss und erhöhtem Anspruch an Ästhetik hat sie wenig zu tun. Deshalb ist car2go auch nur die eine Seite der Mobilitätsmedaille. Sie befriedigt das streng an Kosten-Nutzen orientierte Fahren. Die andere Seite gilt dem puren Genuss an Ästhetik, Luxus und dem – man wagt es fast nur noch hinter vorgehaltener Hand zu sagen – geilen Erlebnis von Drehmoment, Geschwindigkeit und Kraft der Motoren. Ein Widerspruch? Mitnichten. Dieselbe Person, die mal eben via car2go von Ort zu Ort gehoppelt ist, setzt sich am Wochenende entspannt lächelnd in den eigenen AMG SL 63. Und wenn es die Faszination der Langsamkeit zu entdecken gilt und der Fahrer noch mehr gefordert werden will, hat er vielleicht noch einen schönen Klassiker in der Scheune. Oder aber er holt zur Abwechslung das smart e-Bike aus der Garage.

Zugegeben, das ist eine verkürzt stereotype Sicht der Menschen und ihrer Mobilitätsbedürfnisse. Doch sie macht klar, dass der Wunsch nach Fortbewegung sich mannigfaltig artikuliert. Der Individualverkehr kennt vielerlei Formen – frei nach Goethe: Flexibel sei der Mensch, individuell und klug.

Text: Susanne Roeder

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