Experten diskutieren: auto motor und sport-Kongress

Technologieoffen in die Zukunft:

Was diskutierte die Expertenrunde beim auto motor sport-Kongress am Stuttgarter Flughafen?

Der Atomausstieg der Deutschen nach dem katastrophalen Reaktorunglück im japanischen Fukushima im März 2011 war schnell und radikal. „Der Ausstieg verändert alles,“ bestärkte der stellvertretende Chefredakteur von auto motor sport, Ralph Alex, prompt seine Leser und die Kongressteilnehmer aus Politik und Wirtschaft. Hinzu kommt die Abhängigkeit vom begrenzt vorhandenen fossilen Kraftstoff Öl, der zu über 70 Prozent in politisch unsicheren Ländern gefördert wird. Auf dem eintägigen Kongress der Motorpresse wurden deshalb in erster Linie Techniken diskutiert, die den Verbrauch des Automobils senken und seinen Betrieb umweltfreundlicher gestalten werden.

Die Forderung, die im Raum steht, formulierte Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann so: „Wir müssen technologieoffen bleiben.“ Was soviel heißt: Wir setzen nicht blindlings auf Elektromobilität – nachdem der Hype endlich einer realistischeren Betrachtungsweise gewichen ist. Diese prophezeit dem Verbrennungsmotor noch etliche Jahrzehnte der Technologieführerschaft auf den Straßen dieser Welt. Das manuelle Schaltgetriebe im neuen Porsche 911 etwa hat bereits sieben Gänge für stets passende, sparsam-niedrige Drehzahlen.  Bei Automatikgetrieben sind es bald neun Gänge, auch zehn sind schon in naher Zukunft möglich. Ralph Alex zu dieser Tendenz: „Früher hatte eine Luxuslimousine acht Zylinder und vier Gänge. Heute ist es umgekehrt.“ Downsizing heißt das Schlagwort, Zylinderabschaltung ein weiteres.

Aerodynamik, Leichtbau, Start-Stopp-Systeme, Zylinderabschaltung in allen Automobilklassen, optimale Reifen, immer feiner abgestufte Schaltgetriebe – in der Summe führen diese Maßnahmen zu einer weiterhin hohen zweistelligen Minderung des CO2-Ausstoßes bei Otto- und Dieselmotoren. Mit in die Betrachtung „from well to wheel“, also von Herstellung bis Straßenzulassung eines Fahrzeugs, gehören umweltfreundliche Produktionsstraßen. Beispiel VW: Allein im Presswerk spart der Konzern durch bessere Materialnutzung stolze 168 000 Tonnen CO2 pro Jahr.

Elektromobilität adieu? Angesichts von gerade mal 2154 Elektroautos, die hierzulande im Jahr 2011 zugelassen wurden, läge dieser Schluss nahe. Allein, es wäre ein Kurzschluss. „Wir werden von der erneuerbaren Energiepolitik nicht mehr wegkommen. Wir werden die Schritte, so hart sie auch sein mögen, auch gehen müssen,“ lautete das zusammenfassende Plädoyer von Franz-Josef Paefgen, ex-Vorstandsvorsitzender Bentley Motors und Präsident von Bugatti Automobiles. Welche Antriebstechnologie letztlich siegt, das werde der Markt zusammen mit der Innovationskraft der Ingenieure richten, zeigte sich Siemens Vorstandsmitglied Siegfried Russwurm überzeugt.

Teure Energiewende

Die Politik habe ein Bündel von Maßnahmen beschlossen, die zum Teil schon umgesetzt seien, weitere gelte es nun innerhalb eines festen Rahmens abzuarbeiten. Den Verbraucher, sei es als Autofahrer oder als Energiekonsument im Allgemeinen – wen wollte es wundern, kommt die Energiewende teuer zu stehen. Eine Preissteigerung von 25 Prozent wurde als realistisch betrachtet. Die trifft vor allem auch die Unternehmen hart. „Wir müssen höllisch aufpassen, dass dies den Wirtschaftsstandort Deutschland nicht gefährdet,“ warnte deshalb der Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, Bernhard Heitzer.

Fakt ist: In Deutschland findet die Energiewende bereits statt. Eine weitere bittere Pille außer stark steigenden Energiekosten ist dabei der CO2-Ausstoß der Kraftwerke. Die Bilanz in Deutschland im Vergleich zu Frankreich mit seiner anhaltenden Präferenz für Atomkraft fällt schon jetzt um ein Zehnfaches höher aus. Und was macht die EU? Ungeachtet all dieser Zusatzanstrengungen fordert sie für Pkw, man möchte sagen ‚wider besseres Wissen’, eine stufenweise Reduzierung der Emissionen von 120 g/km im Jahr 2015, auf 95 g/km ab 2020 und utopische Werte von 30 g/km bis 2050. Die deutsche Automobilindustrie, die in der CO2-Reduzierung führend ist, fordert eine realistische Grenze bei 70 g/km. Eine Hausaufgabe, die Saskia Sassen, Professorin für Soziologie an der Columbia University und Mitglied des Club of Rome, im Rahmen des Kongresses insbesondere an die Ingenieure richtete, lautete: „Urbanisieren Sie das Auto!“ Damit es den Namen AutoMOBIL noch verdient. In Sachen Know-how ist die deutsche Automobilindustrie optimistisch. Beim Automobilbau wie beim Ausbau erneuerbarer Energien gilt: Technisch ist nahezu alles möglich. Das Problem ist die Markterschließung.

Wenn man bedenkt, dass über 200 Pferde weniger Emissionen als eine Kuh freisetzen, wie dies Mercedes-Benz in einem Werbespruch auf den Punkt brachte, sich wegen der starken Bauernlobby aber leider alsbald wieder vom geistreichen Spot verabschiedete, ist die EU gut beraten, die Kirche im Dorf, die Kuh auf der Weide und technologisch hoch innovative Automobile auf der Straße zu lassen.  .                 roesu

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