Der Bremsfallschirm fürs Auto wird kommen – aber es dauert noch etwas

Airbags kamen im Auto bisher ausschließlich als Rückhaltesysteme für die Insassen zum Einsatz. Künftig könnten sie als PRE-CRASH-Komponente eine Zusatzbremse im Fahrzeugboden auslösen und so vor einem Unfall die Verzögerung und die Kompatibilität gegenüber dem Unfallgegner verbessern.

Nicht nur durch das Abbremsen von Rädern lässt sich Energie abbauen: Düsenjäger oder Dragster verwenden Bremsfallschirme. Und schon 1952 experimentierte Mercedes-Benz beim Rennen in Le Mans mit einer Luftbremse: Der Fahrer konnte beim Verzögern ein Blech auf dem Dach seines Renn-SL senkrecht stellen. Noch früher setzten Kutscher spezielle Rad- oder Hemmschuhe ein. Auf langen Steilstücken vor ein oder beide Hinterräder gelegt, bremsten diese mit Hilfe ihrer Eisensohle das Fuhrwerk ab.

Eine alte Idee, die die Mercedes-Sicherheitsforschung mit dem „Braking Bag“ in ähnlicher Form wieder aufgreift: Dort ist ein Airbag zwischen vorderem Achsträger und der Unterbodenverkleidung angebracht. Wird ein Aufprall von der Sensorik als sicher prognostiziert, leitet das PRE-SAFE®-System nicht nur automatisch eine Vollbremsung ein. Zugleich entfaltet sich der „Braking Bag“ kurz vor dem Crash und stützt das Fahrzeug über einen Reibbelag gegen die Fahrbahn ab. Die Vertikalbeschleunigung des Fahrzeuges erhöht die Reibung und bremst das Fahrzeug bis zum Aufprall zusätzlich ab. Der „Braking Bag“ nutzt die PRE‑CRASH-Sensorik von Mercedes-Benz Fahrzeugen, die schon heute in kritischen Fahrsituationen vorsorgliche Maßnahmen zum Insassenschutz einleiten kann.

Die Zusatzbremse Braking bag unter dem Fahrzeugboden erhöht die Reibung auf der Straße und hilft so, schneller Geschwindigkeit abzubauen (Foto: Daimler AG)
Die Zusatzbremse Braking bag unter dem Fahrzeugboden erhöht die Reibung auf der Straße und hilft so, schneller Geschwindigkeit abzubauen (Foto: Daimler AG)

Die Vorteile dieser ungewöhnlichen Zusatzbremse sind vielfältig:

  • Die Fahrzeugverzögerung wird kurzzeitig auf über 20 m/s2 erhöht. Dadurch wird über die Möglichkeiten einer Radbremse hinaus zusätzliche Energie abgebaut und so die Unfallschwere verringert.
  • Weil das Auto in kurzer Zeit um bis zu acht Zentimeter nach oben gehoben wird, kann das Bremstauchen der konventionellen Bremsung weitgehend kompensiert werden. Dadurch erhöht sich die geometrische Kompatibilität gegenüber dem Unfallgegner.
  • Diese Vertikalbewegung verbessert zudem die Wirkung der Rückhaltesysteme: Die Sitze kommen den Insassen um rund drei Zentimeter entgegen, wodurch die Gurtstraffer mehr Lose herausziehen können. Die hohe Verzögerung vor dem Aufprall spannt die Insassen zudem sozusagen vor.
  • Die Abstützung des Fahrzeuges nach unten beim Crash verringert die typische Nickbewegung bei Kollisionen.

In der Summe hat die Airbag-Bremse die Wirkung einer virtuellen zusätzlichen Knautschzone. Die Mercedes-Ingenieure haben errechnet, dass die zusätzliche Verzögerung schon bei 50 km/h den gleichen Effekt hat wie ein um 180 Millimeter verlängerter Vorbau. Erste Fahrversuche mit einer C-Klasse haben die Wirksamkeit der neuen Zusatzbremse schon gezeigt – auch wenn es noch einige Zeit dauern wird, bis das PRE-SAFE® -System um den Braking Bag erweitert wird.

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